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Prozesstransparenz

Prozesse aus Systemdaten lesen: wo es wirklich hakt

Wie sich der tatsächliche Ablauf mit Schleifen und Sonderwegen aus vorhandenen Zeitstempeln rekonstruieren lässt - statt Prozesse zu vermuten oder zu schätzen.

13 Min. Lesezeit Process MiningProzesstransparenzAutomatisierungMittelstandEreignisprotokoll

In den meisten Betrieben gibt es zwei Versionen jedes Ablaufs: die, die im Qualitätshandbuch steht, und die, die tatsächlich gelebt wird. Die erste ist ein sauberes Flussdiagramm mit einem Weg von links nach rechts. Die zweite enthält Schleifen, Nacharbeit, Eilwege, Wartezeiten und Sonderfälle, die niemand aufgeschrieben hat - und genau dort geht die Zeit verloren. Wer einen Prozess verbessern will, muss zuerst wissen, wie er wirklich läuft. Interviews und Workshops liefern dafür ein geschöntes Bild, weil Menschen den gewünschten Weg beschreiben, nicht den täglichen. Die verlässlichere Quelle liegt längst im Haus: die Zeitstempel, die ERP, Warenwirtschaft, Ticketsystem und Dokumentenablage bei jedem Schritt automatisch mitschreiben. Aus ihnen lässt sich der echte Ablauf rekonstruieren. Dieser Beitrag zeigt, wie das geht, was dabei sichtbar wird und wo Vorsicht geboten ist. Wie wir eine solche Aufnahme im Projekt begleiten, steht unter Prozessanalyse.

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeder Schritt in einem Betriebssystem hinterlässt einen Zeitstempel. Reiht man diese Spuren je Vorgang aneinander, entsteht der tatsächliche Ablauf - nicht der beschriebene. Die Abweichung zwischen beiden ist der eigentliche Fund.
  • Ein Ereignisprotokoll braucht nur drei Angaben: eine Vorgangsnummer, den Namen der Aktivität und den Zeitstempel. Diese drei Spalten liegen in fast jedem ERP, jeder Warenwirtschaft und jedem Ticketsystem bereits vor.
  • Sichtbar werden vor allem drei Dinge, die im Interview verborgen bleiben: Schleifen und Nacharbeit, Sonderwege und Varianten sowie Liegezeiten zwischen den Schritten. Meist steckt in den Wartezeiten mehr Zeit als in der Bearbeitung selbst.
  • Zahlen aus Zeitstempeln sind nur so vollständig wie das, was die Systeme erfassen. Handarbeit neben dem System, Medienbrüche und Zuruf tauchen nicht auf - deshalb gehören die Befunde immer mit dem Team gegengeprüft.
  • Werden dabei Beschäftigtendaten berührt, sind Datenschutz und, wo vorhanden, der Betriebsrat früh einzubeziehen. Ausgewertet wird der Ablauf, nicht die einzelne Person - diese Grenze entscheidet über die Akzeptanz.

Warum Interview und Flussdiagramm den echten Ablauf verfehlen

Wer einen Prozess aufnehmen will, fragt zuerst die Beteiligten - und bekommt eine ehrliche, aber unvollständige Antwort. Menschen beschreiben den Ablauf, wie er gedacht ist: Auftrag kommt herein, wird geprüft, freigegeben, geliefert, berechnet. Was sie systematisch auslassen, sind die Ausnahmen, die so alltäglich geworden sind, dass sie nicht mehr auffallen. Der Eilauftrag, der telefonisch vorgezogen wird. Die Rückfrage an die Buchhaltung, die einen Vorgang zwei Tage liegen lässt. Die Freigabe, die regelmäßig zurückgenommen und neu erteilt wird. Diese Muster gehören zum Alltag, aber nicht zur Erzählung über den Alltag.

Der Fehler ist nicht böser Wille, sondern die Art, wie Erinnerung funktioniert. Der Standardfall ist präsent, weil er häufig ist; der Sonderfall ist verdrängt, weil er unangenehm ist. Ein Flussdiagramm, das aus solchen Gesprächen entsteht, zeigt deshalb den Hauptweg mit hoher Auflösung und die Abweichungen gar nicht. Genau die Abweichungen sind aber das, was einen Prozess langsam, teuer und fehleranfällig macht. Erhebungen nennen fehlende Prozesstransparenz regelmäßig als eine der größten Hürden der Automatisierung; die Deloitte-Untersuchung zum Thema führt Prozesstransparenz mit 51 Prozent (Deloitte) als wichtigsten Nutzen von Process Mining an, noch vor der laufenden Prozessüberwachung mit 41 Prozent (Deloitte).

Dazu kommt der Aufwand. Eine saubere Prozessaufnahme per Interview bindet über Wochen Menschen aus mehreren Abteilungen - und die Digitalisierung scheitert im Mittelstand ohnehin am häufigsten an fehlender Zeit: 60 Prozent (Bitkom) der Betriebe nennen sie als Hemmnis, dazu 74 Prozent (Bitkom) den Fachkräftemangel. Wer die Aufnahme stattdessen aus Daten baut, die die Systeme ohnehin erzeugen, spart genau diese Zeit. Das ist der Kern dessen, was unter dem Begriff Process Mining zusammengefasst wird - und der Grund, warum Gartner erwartet, dass bis 2026 25 Prozent (Gartner) der Unternehmen weltweit solche Verfahren einsetzen.

Prozesstransparenz ist kein Selbstzweck

Der Sinn liegt nicht in einer schönen Grafik, sondern in der Entscheidung dahinter: Lohnt sich eine Automatisierung? Wo bringt eine Schnittstelle am meisten? Welcher Schritt ist überflüssig geworden? Solche Fragen lassen sich nur beantworten, wenn der tatsächliche Ablauf bekannt ist. Deloitte berichtet, dass 84 Prozent (Deloitte) der Anwender einen Nutzen aus Process Mining ziehen - vor allem in Form von mehr Transparenz und belastbaren Betriebseinblicken. Der Weg dahin beginnt nicht mit Software, sondern mit einer sauberen Frage.

Was in den Zeitstempeln steckt: das Ereignisprotokoll

Die Grundlage ist unspektakulär: eine Tabelle, in der jede Zeile ein einzelnes Ereignis beschreibt. Drei Angaben genügen. Erstens eine Vorgangsnummer, die alle Schritte eines Falls zusammenhält - eine Auftragsnummer, eine Ticketnummer, eine Belegnummer. Zweitens der Name der Aktivität, also was passiert ist: angelegt, geprüft, freigegeben, versandt. Drittens der Zeitstempel, wann es passiert ist. Sind diese drei Spalten vorhanden, lässt sich für jeden Vorgang die Reihenfolge der Schritte rekonstruieren - und über tausende Vorgänge hinweg das Muster, dem sie folgen.

Diese Daten liegen fast immer schon vor, meist ohne dass jemand sie als Prozessdaten wahrnimmt. Ein ERP protokolliert Statuswechsel eines Auftrags. Ein Ticketsystem schreibt jede Zustandsänderung mit. Eine Dokumentenablage vermerkt, wann ein Beleg eingegangen, geprüft und gebucht wurde. Selbst eine Buchhaltung enthält mit Belegdatum, Freigabedatum und Zahldatum bereits ein brauchbares Protokoll. Der Aufwand liegt nicht im Erfassen, sondern im Zusammenführen: dieselbe Vorgangsnummer über mehrere Systeme hinweg zu erkennen. Genau darum geht es bei der Datenintegration, und dieselbe Frage stellt sich, wenn man zwei Systeme über eine Schnittstelle verbindet.

Ereignisprotokoll eines Auftrags (Beispiel, gekürzt)
Vorgang | Aktivität         | Zeitstempel   | Bearbeiter
--------+-------------------+---------------+-------------
A-1042  | Auftrag angelegt  | 12.08. 08:12  | Vertrieb
A-1042  | Bonität geprüft   | 12.08. 09:40  | Buchhaltung
A-1042  | freigegeben       | 12.08. 10:05  | Leitung
A-1042  | erneut geprüft    | 12.08. 14:20  | Buchhaltung  <- Schleife
A-1042  | kommissioniert    | 13.08. 09:15  | Lager
A-1042  | versandt          | 13.08. 11:50  | Lager
A-1042  | berechnet         | 13.08. 16:30  | Buchhaltung

Drei Spalten genügen: eine Vorgangsnummer, die alle Schritte eines Falls
zusammenhält, der Name der Aktivität und der Zeitstempel. Der vierte Wert
(Bearbeiter oder Abteilung) ist optional und zeigt, zwischen welchen
Stellen ein Vorgang hin und her wandert. Die Zeile 14:20 verrät die
Nacharbeit: geprüft, freigegeben - und dann noch einmal geprüft.

Das Beispiel zeigt einen einzelnen Auftrag. Interessant wird es, wenn man denselben Aufbau über alle Aufträge eines Quartals legt. Dann zeigt sich, wie oft die Zeile erneut geprüft vorkommt, wie viele Vorgänge den Schritt Freigabe zweimal durchlaufen und zwischen welchen beiden Schritten die längste Wartezeit liegt. Aus einer einzelnen Geschichte wird eine Statistik - und aus dem Bauchgefühl das dauert immer so lange eine nachprüfbare Zahl.

Schleifen, Sonderwege und Liegezeiten sichtbar machen

Sobald der Ablauf aus Daten steht, treten drei Arten von Mustern hervor, die ein gezeichnetes Diagramm nie enthält. Das erste sind Schleifen und Nacharbeit: Vorgänge, die einen Schritt mehrfach durchlaufen. Eine Freigabe, die zurückgenommen wird. Eine Rechnung, die storniert und neu erstellt wird. Eine Prüfung, die ein zweites Mal nötig wird, weil eine Angabe fehlte. Jede Schleife ist doppelte Arbeit, und ihre Häufigkeit lässt sich exakt beziffern. Im Beispielprotokoll liegt der Anteil der zweifach geprüften Aufträge bei rund einem Fünftel - das ist kein Naturgesetz, sondern ein Hinweis auf eine fehlende Angabe weiter vorn im Ablauf.

Das zweite Muster sind Sonderwege und Varianten. Der beschriebene Prozess kennt einen Weg; der gelebte kennt oft dutzende. Aufträge, die die Bonitätsprüfung überspringen, weil sie als eilig markiert sind. Belege, die an der Freigabe vorbei direkt gebucht werden. Kunden, die ohne Kundennummer angelegt werden. Jede Variante für sich mag selten sein, in Summe machen sie einen erheblichen Teil aus - und genau sie verhindern, dass sich ein Ablauf automatisieren lässt, solange niemand sie kennt. Wer wissen will, welche Prozesse sich zuerst lohnen, findet in der Zahl der Varianten einen guten ersten Filter.

Das dritte Muster sind Liegezeiten. Zwischen zwei Zeitstempeln steckt die Wartezeit, und die ist fast immer länger als die eigentliche Bearbeitung. Ein Beleg wird in Sekunden gebucht, liegt davor aber drei Tage im Posteingang. Ein Auftrag ist in Minuten kommissioniert, wartet davor aber einen halben Tag auf die Freigabe. Diese Differenzen lassen sich aus den Zeitstempeln direkt errechnen. Sie sind der schnellste Weg zu spürbaren Verbesserungen, weil sie ohne neue Software auskommen - dieselbe Logik steht hinter dem Gedanken, Durchlaufzeiten über die Liegezeit zu verkürzen statt über mehr Tempo bei der Bearbeitung.

Schleifen und Nacharbeit

Wie oft läuft ein Vorgang zweimal durch denselben Schritt? Jede Schleife ist doppelte Arbeit und ein Hinweis auf eine fehlende Angabe oder Regel weiter vorn im Ablauf.

Sonderwege und Varianten

Wie viele verschiedene Wege nimmt derselbe Vorgangstyp wirklich? Eine hohe Zahl an Varianten ist der Hauptgrund, warum eine geplante Automatisierung im Alltag scheitert.

Liegezeiten

Zwischen welchen beiden Schritten wartet ein Vorgang am längsten? Die Differenz der Zeitstempel zeigt die Wartezeit - meist der größte und billigste Hebel.

Ping-Pong zwischen Stellen

Wie oft wandert ein Vorgang zwischen zwei Abteilungen hin und her? Häufige Übergaben deuten auf eine unklare Zuständigkeit oder eine fehlende Information hin.

Abbrüche und Sackgassen

Welche Vorgänge erreichen das Ende nie? Fälle, die in einem Zwischenstatus hängen bleiben, verraten Lücken, die im Tagesgeschäft niemand meldet.

Lastspitzen im Zeitverlauf

Wann häufen sich bestimmte Schritte? Zeitstempel zeigen Muster über Wochentag und Monatsende und erklären, warum eine Stelle regelmäßig zum Engpass wird.

Von der Frage zum Ergebnis: die Schritte

Eine Auswertung aus Systemdaten beginnt nicht mit einem Werkzeug, sondern mit einer Frage. Ohne sie liefert die schönste Prozessgrafik nur Beschäftigung. Die Frage entscheidet, welche Vorgangsart betrachtet wird, welche Systeme relevant sind und woran man das Ergebnis erkennt. Sinnvolle Fragen sind eng: Warum dauert die Auftragsabwicklung von Eingang bis Versand im Schnitt länger als zugesagt? Wo bleiben Eingangsrechnungen zwischen Eingang und Freigabe liegen? Wie viele Reklamationen laufen ein zweites Mal durch die Bearbeitung? Aus einer solchen Frage ergibt sich alles Weitere fast von selbst.

Am Anfang steht eine konkrete, beantwortbare Frage zu einem Ablauf - nicht der Wunsch, alles einmal zu sehen. Sie bestimmt den Vorgangstyp, den Zeitraum und das Erfolgskriterium. Ohne diese Eingrenzung wird die Auswertung beliebig.

Der fünfte Schritt ist der wichtigste und wird am häufigsten übersprungen. Daten zeigen, was passiert ist, aber nicht warum. Eine Schleife kann eine Verschwendung sein oder eine bewusst eingebaute Vier-Augen-Kontrolle. Eine Liegezeit kann ein Versäumnis sein oder eine gesetzlich vorgeschriebene Frist. Ohne das Gespräch mit den Menschen, die den Ablauf ausführen, führt jede Zahl schnell zur falschen Schlussfolgerung. Wie eine solche Aufnahme im Betrieb strukturiert abläuft, beschreibt der Beitrag dazu, wie eine Prozessanalyse Schritt für Schritt vorgeht.

Gemessen statt geschätzt: der Unterschied in der Praxis

Der Wert der Methode zeigt sich am deutlichsten im Vergleich. Beide Wege liefern ein Bild des Ablaufs, aber sie unterscheiden sich in dem, worauf man sich verlassen kann. Die folgende Gegenüberstellung fasst zusammen, wo die Aufnahme aus Daten trägt und wo das Gespräch weiterhin nötig bleibt - denn das eine ersetzt das andere nicht, es ergänzt es.

MerkmalAus Zeitstempeln gelesenAus Interview geschätzt
GrundlageTatsächliche Ereignisse mit UhrzeitErinnerung an den gedachten Ablauf
SonderfälleWerden vollständig sichtbar, mit HäufigkeitWerden meist vergessen oder untertrieben
LiegezeitenAuf die Stunde genau messbarGrobe Schätzung, oft zu niedrig
Aufwand im BetriebEinmalige DatenbereitstellungWochenlange Termine über mehrere Abteilungen
Blinder FleckSchritte außerhalb der Systeme fehlenDer gelebte Weg wird geschönt
WiederholbarkeitJederzeit neu auswertbarBei jeder Runde ein neues Bild

Der blinde Fleck der Datenauswertung verdient besondere Aufmerksamkeit: Sie sieht nur, was in einem System steht. Wird ein Teil des Ablaufs per Zuruf, auf Papier oder in einer privaten Tabellenkalkulation erledigt, taucht er im Protokoll nicht auf - und der Ablauf wirkt schneller, als er ist. Genau solche Brüche zwischen System und Handarbeit sind ein eigenes Thema; wie man sie systematisch findet, zeigt der Beitrag zu Medienbrüchen im Betrieb. Die Datenauswertung deckt sie indirekt auf, weil an der Stelle, wo die Handarbeit sitzt, eine unerklärliche Lücke im Zeitstrahl entsteht.

Was die Zahlen nicht sagen - und wo Vorsicht gilt

So nützlich Zeitstempel sind, sie haben Grenzen, und wer sie übersieht, zieht falsche Schlüsse. Die erste Grenze ist die Datenqualität. Ein Statuswechsel, der nachträglich gesetzt wird, ein Zeitstempel in der falschen Zeitzone, ein Sammelbuchungslauf um Mitternacht - solche Artefakte erzeugen Muster, die im Betrieb gar nicht existieren. Deshalb steht am Anfang jeder ernsthaften Auswertung eine Prüfung der Daten selbst, nicht des Ablaufs. Erst wenn klar ist, dass ein Zeitstempel wirklich den Moment des Geschehens abbildet, darf man aus ihm etwas ableiten.

Die zweite Grenze ist die Verwechslung von Häufigkeit und Bedeutung. Ein seltener Sonderweg kann teurer sein als der häufige Standardfall, wenn an ihm ein großer Auftrag oder eine Reklamation hängt. Und eine lange Liegezeit ist nicht automatisch ein Problem - manchmal ist sie eine sinnvolle Abkühlphase oder eine gesetzliche Frist. Zahlen ersetzen das Urteil nicht, sie schärfen es. Deloitte weist darauf hin, dass fehlender Rückhalt im Management eine wachsende Hürde ist: 41 Prozent (Deloitte) nennen ihn als Hemmnis, nach 26 Prozent (Deloitte) einige Jahre zuvor. Eine Auswertung, die niemand einordnen kann, verpufft.

Beschäftigtendaten: Grenze klar ziehen

Zeitstempel tragen oft einen Bearbeiternamen. Damit ließe sich theoretisch die Leistung einzelner Personen messen - und genau das darf nicht das Ziel sein. Ausgewertet wird der Ablauf, nicht die Person. Wo ein Betriebsrat besteht, gehört er früh eingebunden; die datenschutzrechtliche Bewertung im Einzelfall bleibt fachlicher Prüfung vorbehalten. Wie sich die Mitbestimmung sauber planen lässt, behandelt der Beitrag zum Betriebsrat bei IT-Systemen, die Datenschutzseite der Beitrag zur DSGVO bei der Prozessdigitalisierung. Diese Grenze früh und schriftlich zu ziehen, entscheidet über die Akzeptanz der ganzen Auswertung.

Die dritte Grenze ist der Umfang. Der Markt für solche Verfahren wächst kräftig - Schätzungen sehen ihn mit einer jährlichen Rate von rund 21,7 Prozent (MarketsandMarkets) zulegen, und die Ausgaben stiegen zuletzt um über 30 Prozent (Gartner) im Jahr. Für einen mittelständischen Betrieb heißt das aber nicht, dass eine große Plattform nötig wäre. Für eine einzelne klar umrissene Frage genügen oft eine Datenausleitung und eine überschaubare Auswertung. Der Nutzen entsteht durch die richtige Frage und die saubere Gegenprüfung, nicht durch die Größe des Werkzeugs.

Vom Befund zur Verbesserung

Eine Auswertung, die im Bericht endet, hat ihr Geld nicht verdient. Der Sinn liegt in den Entscheidungen, die sie ermöglicht - und die fallen meist in eine von vier Richtungen. Eine Schleife wird beseitigt, indem die fehlende Angabe früher abgefragt wird. Eine Liegezeit wird verkürzt, indem eine Freigabe an eine Vertretung übergeben werden kann. Ein Medienbruch wird geschlossen, indem zwei Systeme über eine Schnittstelle verbunden werden. Oder ein wiederkehrender, sauber laufender Schritt wird automatisiert, weil die Auswertung zeigt, dass er ohne Varianten abläuft.

  • Schleife entfernen: Die häufigste Ursache doppelter Prüfungen ist eine Angabe, die erst spät verlangt wird. Wird sie beim Anlegen zur Pflicht, entfällt die zweite Runde - eine Änderung ohne neue Software.
  • Liegezeit verkürzen: Wo Vorgänge auf eine einzelne Freigabe warten, hilft eine geregelte Vertretung mehr als jedes Tempo. Die Wartezeit aus den Zeitstempeln zeigt, welche Freigabe sich lohnt.
  • Medienbruch schließen: Entsteht im Zeitstrahl eine unerklärliche Lücke, sitzt dort Handarbeit. Eine Schnittstelle oder eine Automatisierung an genau dieser Stelle spart am meisten.
  • Schritt automatisieren: Läuft ein Schritt in nahezu allen Vorgängen gleich und ohne Varianten, ist er ein guter Kandidat. Die Zahl der Varianten aus der Auswertung ist der beste Eignungstest.
  • Engpass entlasten: Zeigt sich eine Lastspitze zu festen Zeiten, lässt sich die Arbeit vorziehen oder verteilen, bevor über zusätzliche Kapazität nachgedacht wird.
  • Wirkung nachmessen: Nach jeder Änderung wird dieselbe Auswertung wiederholt. So wird belegbar, ob die Schleife wirklich seltener und die Liegezeit wirklich kürzer wurde.

Der letzte Punkt ist der eigentliche Vorteil der Methode gegenüber dem Interview: Sie ist wiederholbar. Dieselbe Auswertung, ein Vierteljahr später erneut gefahren, zeigt, ob eine Maßnahme gewirkt hat - ohne neue Terminrunde. Damit wird aus einer einmaligen Aufnahme eine laufende Kontrolle, die sich in eine geregelte Kennzahlen-Auswertung überführen lässt. Ob sich eine Automatisierung überhaupt rechnet, hängt dann nicht mehr am Bauchgefühl, sondern an gemessenen Zahlen; die Rechnung dahinter beschreibt der Beitrag zu Engpässen im Auftragsdurchlauf.

Ein kleiner Anfang schlägt das große Projekt

Man muss nicht den ganzen Betrieb vermessen. Ein einzelner, gut gewählter Ablauf - die Auftragsabwicklung, der Rechnungseingang, die Reklamationsbearbeitung - reicht als Einstieg. Aus ihm lernt der Betrieb, wie die eigenen Daten aussehen, welche Fragen sie beantworten und welche nicht. Dieser erste, überschaubare Durchlauf liefert fast immer einen konkreten Fund, der die Mühe rechtfertigt, und schafft die Grundlage, um den nächsten Ablauf schneller anzugehen.

Was ein Betrieb selbst vorbereiten kann

Der größere Teil einer gelungenen Auswertung liegt in der Vorbereitung, und die kann jeder Betrieb selbst leisten - bevor überhaupt jemand auf die Daten schaut. Wer die folgende Liste abarbeitet, verkürzt die eigentliche Auswertung erheblich und bekommt am Ende ein belastbareres Ergebnis. Nichts davon erfordert Spezialwissen; es erfordert nur, die eigenen Systeme und den eigenen Ablauf ehrlich zu betrachten.

  1. Eine einzelne, konkrete Frage aufschreiben: Welcher Ablauf, welcher Zeitraum, woran erkennt man das Ergebnis? Ohne diese Eingrenzung beginnt keine sinnvolle Auswertung.
  2. Die beteiligten Systeme benennen: Welches System berührt den Vorgang an welcher Stelle, und führt es einen Zeitstempel? Eine einfache Aufstellung genügt.
  3. Die gemeinsame Vorgangsnummer prüfen: Lässt sich derselbe Fall über alle Systeme hinweg wiedererkennen? Wenn nicht, ist das schon der erste wichtige Befund.
  4. Zwei bis drei echte Beispielvorgänge heraussuchen: ein Standardfall, ein Sonderfall, ein besonders zäher Fall. Sie helfen, die Daten gegen die Wirklichkeit zu prüfen.
  5. Datenschutz und Mitbestimmung früh klären: Werden Beschäftigtendaten berührt, gehören Betriebsrat und Datenschutz an den Anfang, nicht ans Ende.
  6. Einen Termin für die gemeinsame Gegenprüfung einplanen: Die Auswertung ist erst fertig, wenn die Ausführenden die Befunde eingeordnet haben.

Der teuerste Prozess ist der, von dem alle glauben, sie würden ihn kennen. Die Zeitstempel widersprechen fast immer - und dieser Widerspruch ist kein Ärgernis, sondern die günstigste Verbesserung, die ein Betrieb bekommen kann.

Projekterfahrung

Wer diese Aufnahme als Einstieg nutzt, kann daraus gezielt die nächsten Schritte ableiten - von der Automatisierung eines sauber laufenden Vorgangs bis zur Anbindung zweier Systeme. Auch angrenzende Themen aus dem Alltag lassen sich so sachlich angehen: etwa das Mahnwesen zu automatisieren, um schneller zum Geldeingang zu kommen, oder die digitale Zeiterfassung sauber umzusetzen. In allen Fällen gilt dasselbe Prinzip: erst den echten Ablauf kennen, dann entscheiden.

Dieser Artikel basiert auf Daten aus: Gartner, Deloitte Global Process Mining Survey, Bitkom, Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK), MarketsandMarkets sowie eigener Projekterfahrung aus Prozessanalysen im Mittelstand.

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