In fast jedem Betrieb gibt es den Satz, dass Aufträge zu lange brauchen. Meist folgt sofort eine Erklärung: die Fertigung sei zu langsam, der Einkauf zu spät dran, die Kollegin im Büro überlastet. Auffällig ist, wie selten diese Erklärungen mit Messwerten unterlegt sind. Ein Auftrag, der elf Werktage vom Eingang bis zur Rechnung braucht, wird in dieser Zeit oft nur wenige Stunden tatsächlich bearbeitet. Der Rest ist Warten: auf eine Freigabe, auf eine Rückfrage, auf den nächsten Sammellauf, auf den Mitarbeiter, der erst am Montag wieder im Haus ist. Wer den Auftragsdurchlauf verbessern will, muss diese beiden Zeiten trennen können. Dieser Beitrag zeigt, wie sich Liegezeit und Bearbeitungszeit in einem mittelständischen Betrieb ohne Stabsstelle messen lassen, warum der Engpass selten dort sitzt, wo ihn alle vermuten, und was nach seiner Beseitigung passiert. Eine strukturierte Prozessanalyse beginnt genau an dieser Stelle.
Das Wichtigste in Kürze
- Durchlaufzeit und Bearbeitungszeit sind zwei verschiedene Größen: In typischen Aufnahmen entfallen rund vier Fünftel der Gesamtdauer eines Auftrags auf reines Warten und nicht auf Arbeit an der Sache (Projekterfahrung).
- Der Engpass ist die Station mit der längsten Warteschlange davor, nicht die mit der höchsten Arbeitsbelastung. Wer nur fragt, wer sich am meisten beschwert, findet regelmäßig die falsche Stelle im Ablauf.
- Für eine belastbare Aufnahme genügen zwei Zeitstempel je Station: Eingang des Vorgangs und Beginn der Bearbeitung. Die Differenz ist die Liegezeit, und sie lässt sich über drei Wochen auch ohne zusätzliche Software erfassen.
- Freigaben, Sammelläufe und Übergaben über Nacht oder über das Wochenende erzeugen die längsten Liegezeiten, weil eine Bearbeitung von fünf Minuten dabei einen Kalendertag oder mehr kostet.
- Nach der Beseitigung eines Engpasses wird sofort der nächste sichtbar, weil der Stau nur weiterwandert. Die Aufnahme sollte deshalb nicht einmalig sein, sondern nach jeder Änderung mit denselben Messpunkten wiederholt werden.
Durchlaufzeit ist nicht Arbeitszeit
Die Durchlaufzeit eines Auftrags ist die Spanne zwischen dem Moment, in dem er im Betrieb ankommt, und dem Moment, in dem er abgeschlossen ist. Sie ist die Zahl, die der Kunde erlebt. Die Bearbeitungszeit dagegen ist die Summe der Minuten, in denen jemand tatsächlich an diesem Auftrag arbeitet: tippt, prüft, montiert, kommissioniert, unterschreibt. Zwischen beiden Zahlen liegt in fast allen Betrieben ein Faktor, der die Beteiligten überrascht, wenn er zum ersten Mal auf dem Tisch liegt. Ein Auftrag, der zwölf Kalendertage im Haus ist, kommt oft auf drei bis fünf Stunden echte Bearbeitung. Die Differenz ist keine Trägheit der Mitarbeiter, sondern eine Eigenschaft des Ablaufs.
Diese Unterscheidung hat eine unangenehme Konsequenz: Wer schneller werden will und dafür an der Bearbeitungszeit ansetzt, arbeitet am kleineren Teil des Problems. Wenn achtzig Prozent der Durchlaufzeit Warten sind (Projekterfahrung), verkürzt selbst eine Halbierung der reinen Arbeitszeit den Durchlauf nur um wenige Prozent. Genau das erklärt, warum Betriebe nach einer Investition in schnellere Werkzeuge, neue Bildschirme oder eine zusätzliche Kraft feststellen, dass sich an der Lieferzeit gegenüber dem Kunden nichts geändert hat. Die Zeit wurde an einer Stelle gespart, an der sie nie verloren ging.
Vier Begriffe, die eine Aufnahme braucht
Warum der Engpass selten dort liegt, wo alle ihn vermuten
Fragt man in einem Betrieb, wo es klemmt, bekommt man verlässlich eine Antwort. Sie fällt allerdings meist auf die Station mit dem höchsten Lärmpegel: dort, wo am lautesten über Überlastung geklagt wird, wo Überstunden anfallen, wo der Chef morgens zuerst hinschaut. Das ist ein schlechter Indikator. Eine Station kann hoch ausgelastet sein und trotzdem keinen Stau erzeugen, wenn die Arbeit gleichmäßig eintrifft und zügig weitergegeben wird. Umgekehrt kann eine Station, an der jemand nur wenige Minuten pro Vorgang benötigt, den gesamten Durchlauf bestimmen, wenn Vorgänge dort mehrere Stunden oder Tage auf ihre Bearbeitung warten.
Der Engpass ist nicht die Station mit der meisten Arbeit, sondern die mit der längsten Warteschlange davor. Diese Definition ist unbequem, weil sie oft auf Personen zeigt, die formal wenig Zeit mit dem Vorgang verbringen: die Geschäftsführerin, die Angebote über einer bestimmten Summe freigibt, den Meister, der Materialentnahmen abzeichnet, den Buchhalter, der einmal täglich einen Sammellauf startet. Der Beitrag dieser Personen zur Bearbeitungszeit ist minimal, ihr Beitrag zur Durchlaufzeit ist der größte im ganzen Ablauf. Der zweite Grund für falsche Vermutungen ist die Sichtbarkeit: Stapel im Lager sieht jeder, Stapel im Posteingang eines Programms niemand.
Hinzu kommt eine Verzerrung durch die Perspektive. Jede Abteilung sieht nur ihren eigenen Abschnitt und beurteilt ihn nach der eigenen Auslastung. Der Vertrieb weiß, wie lange er für ein Angebot braucht, aber nicht, wie lange die Anfrage vorher in einem allgemeinen Postfach lag. Die Fertigung weiß, wie lange die Produktion dauert, aber nicht, wie viele Tage zwischen Auftragseingang und Fertigungsauftrag vergangen sind. Erst eine durchgehende Betrachtung über alle Stationen hinweg zeigt, wo die Kalenderzeit wirklich verloren geht. Erhebungen von Bitkom weisen regelmäßig fehlende Zeit und fehlendes Personal als Hemmnisse der Digitalisierung im Mittelstand aus (Bitkom) — beides sind Symptome, die sich in einer Engpassaufnahme präzisieren lassen.
- Vermutung: Die Fertigung ist zu langsam. Messung: Die Fertigung beginnt im Schnitt zwei Tage nach Auftragsfreigabe, weil Materialverfügbarkeiten manuell geprüft werden.
- Vermutung: Der Versand kommt nicht hinterher. Messung: Der Versand arbeitet Vorgänge innerhalb einer Stunde ab, erhält sie aber gebündelt erst um 15 Uhr.
- Vermutung: Die Buchhaltung braucht zu lange für Rechnungen. Messung: Die Rechnung entsteht in vier Minuten, wartet vorher aber drei Tage auf den Lieferschein aus dem Fahrzeug.
- Vermutung: Die Kollegin im Innendienst ist überlastet. Messung: Sie bearbeitet Vorgänge zügig, unterbricht aber im Schnitt sechsmal pro Stunde für Telefonate zum Auftragsstatus.
Den Durchlauf messen, ohne den Betrieb zu stören
Eine Engpassaufnahme scheitert selten an der Methode und häufig an der Angst vor Aufwand. Sie muss aber weder ein Projekt mit Lenkungskreis sein noch eine Überwachung der Beschäftigten. Nötig sind zwei Zeitstempel je Station: der Moment, in dem der Vorgang an dieser Station ankommt, und der Moment, in dem die Bearbeitung dort beginnt. Die Differenz ist die Liegezeit. Ein dritter Stempel für das Ende der Bearbeitung liefert die Bearbeitungszeit. Mehr braucht die erste Runde nicht. Wichtig ist, dass die Stempel am Vorgang hängen und nicht an der Person — es geht um den Weg des Auftrags, nicht um die Leistung Einzelner. Dieser Punkt sollte vor der Messung ausgesprochen werden, sonst entsteht Misstrauen, das die Zahlen unbrauchbar macht.
Der Umfang darf klein bleiben. Zwanzig bis dreißig Aufträge über drei Wochen reichen für ein belastbares Bild, wenn sie das normale Spektrum abdecken und nicht nur die Eilfälle. Ein einzelner Tag genügt nicht, weil Wochentage, Urlaubszeiten und Monatsabschlüsse den Durchlauf verändern. Wer die Aufnahme mit einer laufenden Kennzahlenauswertung verbinden kann, weil die Zeitstempel ohnehin in einem System entstehen, sollte das tun. Wo das nicht möglich ist, funktioniert ein Laufzettel oder eine gemeinsame Liste ebenso gut — der Erkenntnisgewinn hängt an der Trennung von Liegen und Arbeiten, nicht am Werkzeug.
Schritt 1: Den Ablauf abgrenzen
Legen Sie Start und Ende eindeutig fest, etwa vom Eingang der Kundenanfrage bis zum Versand der Rechnung. Ohne saubere Abgrenzung messen zwei Beteiligte unterschiedliche Dinge und die Zahlen lassen sich später nicht vergleichen.
Schritt 2: Stationen benennen
Notieren Sie jede Stelle, an der ein Vorgang die Hand wechselt oder auf eine Entscheidung wartet. Meist kommen sechs bis zwölf Stationen zusammen, deutlich mehr als im Organigramm sichtbar sind. Auch Sammelmappen und Postfächer sind Stationen.
Schritt 3: Zeitstempel erfassen
Halten Sie je Station Ankunft, Beginn und Ende fest. Erfassen Sie Kalenderzeit, nicht Arbeitszeit — die Nacht zwischen Dienstag und Mittwoch ist Teil der Liegezeit, die der Kunde erlebt, auch wenn niemand im Haus ist.
Schritt 4: Auswerten und sortieren
Bilden Sie je Station die Summe der Liegezeiten und sortieren Sie absteigend. Die oberste Zeile ist Ihr Engpass. Prüfen Sie zusätzlich die Streuung: eine Station mit sehr unterschiedlichen Liegezeiten deutet auf eine Abhängigkeit von einzelnen Personen hin.
Schritt 5: Ergebnis mit den Beteiligten durchgehen
Legen Sie die Auswertung denjenigen vor, die den Ablauf täglich ausführen. Sie erkennen sofort, ob ein Wert eine Ausnahme war oder der Normalfall, und liefern die Erklärungen, die in keiner Tabelle stehen.
Legen Sie Start und Ende eindeutig fest, etwa vom Eingang der Kundenanfrage bis zum Versand der Rechnung. Ohne saubere Abgrenzung messen zwei Beteiligte unterschiedliche Dinge und die Zahlen lassen sich später nicht vergleichen.
Notieren Sie jede Stelle, an der ein Vorgang die Hand wechselt oder auf eine Entscheidung wartet. Meist kommen sechs bis zwölf Stationen zusammen, deutlich mehr als im Organigramm sichtbar sind. Auch Sammelmappen und Postfächer sind Stationen.
Halten Sie je Station Ankunft, Beginn und Ende fest. Erfassen Sie Kalenderzeit, nicht Arbeitszeit — die Nacht zwischen Dienstag und Mittwoch ist Teil der Liegezeit, die der Kunde erlebt, auch wenn niemand im Haus ist.
Bilden Sie je Station die Summe der Liegezeiten und sortieren Sie absteigend. Die oberste Zeile ist Ihr Engpass. Prüfen Sie zusätzlich die Streuung: eine Station mit sehr unterschiedlichen Liegezeiten deutet auf eine Abhängigkeit von einzelnen Personen hin.
Legen Sie die Auswertung denjenigen vor, die den Ablauf täglich ausführen. Sie erkennen sofort, ob ein Wert eine Ausnahme war oder der Normalfall, und liefern die Erklärungen, die in keiner Tabelle stehen.
Auftrag Station Ankunft Beginn Ende
A-4711 Auftragseingang 12.05. 08:12 12.05. 08:20 12.05. 08:35
A-4711 Prüfung Technik 12.05. 08:35 12.05. 14:10 12.05. 14:40
A-4711 Freigabe Leitung 12.05. 14:40 13.05. 15:05 13.05. 15:10
A-4711 Disposition 13.05. 15:10 14.05. 07:30 14.05. 07:55
A-4711 Fertigung 14.05. 07:55 14.05. 08:40 14.05. 11:40
Liegezeit = Beginn minus Ankunft
Bearbeitungszeit = Ende minus Beginn
Durchlaufzeit = letztes Ende minus erste AnkunftSechs Stellen, an denen sich Vorgänge im Mittelstand stapeln
Betriebe unterscheiden sich in Branche, Größe und Technik, die Stapelplätze ähneln sich trotzdem stark. Kleine und mittlere Unternehmen stellen über 99 Prozent (Statistisches Bundesamt) der Unternehmen in Deutschland, und die folgenden sechs Muster tauchen quer durch Handwerk, Produktion, Handel und Verwaltung auf. Wer sie kennt, weiß, wo die Aufnahme genauer hinsehen sollte — ersetzen kann die Kenntnis der Muster die Messung allerdings nicht, weil die Reihenfolge betriebsindividuell ist.
Das allgemeine Postfach
Anfragen laufen in ein Sammelpostfach, für das sich niemand eindeutig verantwortlich fühlt. Vorgänge liegen dort, bis jemand Zeit zum Sichten hat. Typische Liegezeit: mehrere Stunden bis zwei Tage, an Brückentagen deutlich länger.
Die Freigabe
Ab einer Wertgrenze zeichnet eine bestimmte Person ab. Ist sie im Termin, auf der Baustelle oder im Urlaub, wartet der Vorgang. Die Bearbeitung dauert Minuten, die Liegezeit erreicht regelmäßig einen ganzen Arbeitstag.
Die Rückfrage
Eine fehlende Angabe stoppt den Vorgang, die Rückfrage geht per Mail oder Telefon hinaus und niemand überwacht die Antwort. Der Vorgang verschwindet aus dem Blickfeld, bis der Kunde nachfragt oder ein Termin platzt.
Der Sammellauf
Rechnungen, Bestellungen oder Übergaben laufen einmal täglich oder wöchentlich. Wer zehn Minuten zu spät ist, verliert einen Tag oder eine Woche. Sammelläufe erzeugen im Mittel eine halbe Periodendauer an Liegezeit.
Der Medienbruch
Daten werden aus einem System abgetippt oder aus Papier übernommen. Das kostet nicht nur Bearbeitungszeit, sondern erzeugt Wartezeit, weil die Übertragung gebündelt erfolgt und Fehler eine zweite Runde auslösen.
Die einzige Person, die es kann
Eine Aufgabe hängt an einer Person mit Spezialwissen. Der Ablauf funktioniert, solange sie da ist. Solche Stationen erkennt man in der Auswertung an einer sehr großen Streuung der Liegezeiten zwischen einzelnen Vorgängen.
Freigaben: der teuerste Halt im ganzen Durchlauf
Freigaben sind der Fall, in dem Bearbeitungszeit und Liegezeit am weitesten auseinanderfallen. Eine Unterschrift oder ein Häkchen dauert kaum eine Minute, der Vorgang wartet aber darauf, dass eine bestimmte Person zu einem bestimmten Ort oder in ein bestimmtes Programm kommt. Kommt die Freigabe erst am Abend, hat der Vorgang einen Arbeitstag verloren, ohne dass jemand untätig war. Fällt die Freigabe auf einen Freitagnachmittag, sind es drei Kalendertage. Das erklärt, warum eine Kette aus drei Freigaben eine Woche Durchlaufzeit erzeugen kann, obwohl in Summe fünf Minuten gearbeitet wurde.
Vor der Technik steht deshalb die Frage nach der Notwendigkeit: Welche Freigabe schützt vor einem realen Risiko und welche existiert nur, weil sie irgendwann eingeführt wurde? Wertgrenzen, die vor zehn Jahren festgelegt wurden, greifen heute oft bei Routinevorgängen. Wo eine Freigabe erhalten bleiben soll, hilft eine klare Vertretungsregel meist mehr als jede Software. Erst danach lohnt der Blick auf eine digital abgebildete Freigabe, wie sie im Rahmen einer Prozessautomatisierung umgesetzt wird — mit Benachrichtigung, Vertretung und einer Frist, nach der eskaliert wird.
| Merkmal | Freigabe auf Zuruf und Papier | Geregelte digitale Freigabe |
|---|---|---|
| Sichtbarkeit offener Vorgänge | Nur für die Person am Schreibtisch | Für alle Beteiligten im Vorgang sichtbar |
| Vertretung bei Abwesenheit | Ad hoc geregelt, oft gar nicht | Hinterlegt, greift automatisch |
| Ortsbindung | An den Arbeitsplatz gebunden | Auch mobil möglich |
| Nachvollziehbarkeit | Handzeichen ohne Zeitstempel | Zeitstempel und Person protokolliert |
| Erinnerung bei Überschreitung | Zufällig, meist durch Nachfrage | Frist mit automatischer Erinnerung |
| Aufwand für die Freigebenden | Sammeln und Sortieren von Papier | Eine Liste mit den offenen Fällen |
Über Nacht auf dem Schreibtisch: Übergaben und Schichtgrenzen
Jede Übergabe zwischen zwei Personen ist eine potenzielle Liegestelle, und die Kalenderzeit rechnet gnadenlos. Ein Vorgang, der um 16:40 Uhr fertig bearbeitet an die nächste Station geht, wird dort am nächsten Vormittag aufgenommen — sechzehn Stunden Liegezeit für eine Übergabe, die niemandem als Problem auffällt, weil jeder Beteiligte korrekt gearbeitet hat. Bei drei solchen Übergaben in einem Ablauf summiert sich das auf zwei bis drei Kalendertage. Genau hier liegt der Grund, warum Betriebe mit ähnlicher Personalausstattung sehr unterschiedliche Lieferzeiten haben.
Besonders auffällig wird das an Schichtgrenzen, bei Außendienst und im Handwerk. Ein Lieferschein, der im Fahrzeug liegt, ist für den Betrieb nicht vorhanden. Kommt er erst am Freitag zurück, beginnt die Rechnungsstellung mit einer Verzögerung von bis zu einer Woche — mit unmittelbarer Wirkung auf den Zahlungseingang. Die Gegenmaßnahme ist nicht mehr Druck auf die Monteure, sondern eine Erfassung, die vor Ort stattfindet. Wo Belege ohnehin digitalisiert werden sollen, lohnt der Blick auf die Digitalisierung der Belege zusammen mit der Engpassaufnahme, weil beide Vorhaben dieselben Stellen betreffen.
Rechnen Sie in Kalenderzeit, nicht in Arbeitszeit
Was passiert, wenn der Engpass beseitigt ist
Die wichtigste Erwartung, die man vor einer Verbesserung geraderücken sollte: Ein beseitigter Engpass verschwindet nicht, er wandert. Sobald die Freigabe nicht mehr einen Tag kostet, trifft die Arbeit früher und in größerer Menge an der nächsten Station ein — und dort entsteht der neue Stau. Das ist kein Zeichen für ein misslungenes Vorhaben, sondern der normale Verlauf. Jede Engpassbeseitigung macht den nächsten Engpass sichtbar, und dieser zweite Engpass war vorher unter der Wartezeit des ersten verborgen.
Daraus folgt eine praktische Regel: Ändern Sie jeweils eine Sache, und messen Sie danach erneut mit denselben Messpunkten. Wer drei Maßnahmen gleichzeitig umsetzt, kann hinterher nicht sagen, welche gewirkt hat, und riskiert, dass eine wirkungslose Änderung dauerhaft im Ablauf bleibt. Die zweite Messrunde ist deutlich billiger als die erste, weil die Stationen und die Erfassung bereits stehen. In der Praxis genügen dafür oft zehn bis fünfzehn Vorgänge.
Ebenso wichtig ist die Frage, was mit der gewonnenen Zeit geschieht. Kürzere Durchlaufzeiten zahlen sich nur aus, wenn sie in etwas übergehen: schnellere Angebote und damit höhere Trefferquoten, frühere Rechnungsstellung und damit besserer Zahlungseingang, kürzere Zusagen gegenüber Kunden. Wird die freigewordene Zeit nicht benannt, verteilt sie sich unbemerkt und die Verbesserung lässt sich später nicht belegen. Rund die Hälfte der Betriebe kann offene Stellen längerfristig nicht besetzen (DIHK) — vor diesem Hintergrund ist die zurückgewonnene Zeit erfahrener Mitarbeiter meist der wertvollste Teil des Ergebnisses.
Ein Ablauf ist immer so schnell wie seine langsamste Stelle. Alles, was davor oder danach verbessert wird, erhöht nur den Stau vor dem Engpass.
Kosten und Reihenfolge: welchen Engpass zuerst
Nicht jeder gefundene Engpass verdient sofort eine Maßnahme. Die Rangfolge ergibt sich aus drei Größen: der Summe der Liegezeit über alle Vorgänge, der Häufigkeit des Falls und dem Aufwand für die Änderung. Eine Station mit zwei Tagen Liegezeit bei zwanzig Vorgängen pro Monat wiegt schwerer als eine mit vier Tagen bei zwei Vorgängen. Rechnen Sie die Liegezeit ruhig grob in Geld um: Wie viele Aufträge stecken durchschnittlich gleichzeitig im Ablauf fest, welchen Wert binden sie, und wie viele Nachfragen zum Auftragsstatus erzeugt der Rückstand pro Woche? Diese Zahlen müssen nicht exakt sein, sie müssen nur die Größenordnung treffen.
Der zweite Filter ist die Art der Lösung. Ein erheblicher Teil der gefundenen Engpässe lässt sich ohne Software beheben: eine Vertretungsregel, eine gestrichene Freigabe, ein zweiter Sammellauf am Tag, eine feste Zuständigkeit für das gemeinsame Postfach. Solche Änderungen kosten wenig und wirken in Tagen statt in Monaten. Erst wenn organisatorische Mittel ausgeschöpft sind oder der Engpass an einem Medienbruch hängt, wird die technische Lösung sinnvoll — etwa eine Schnittstelle zwischen zwei Systemen, die heute per Hand verbunden werden.
- Liegezeit je Station über alle gemessenen Vorgänge summieren und absteigend sortieren.
- Häufigkeit des Vorgangstyps prüfen: Ein seltener Sonderfall rechtfertigt selten eine dauerhafte Änderung.
- Aufwand grob schätzen und in drei Klassen einteilen: Regelung, kleine technische Änderung, Projekt.
- Mit der Kombination aus hoher Liegezeit und geringem Aufwand beginnen, auch wenn sie unspektakulär wirkt.
- Nach der Umsetzung erneut messen und das Ergebnis den Beteiligten zeigen, sonst bleibt die Änderung Behauptung.
Vom Messergebnis zur belastbaren Änderung
Eine Engpassaufnahme, die in einer Schublade endet, war verschwendete Zeit. Damit die Erkenntnis Bestand hat, sollte der neue Ablauf schriftlich festgehalten werden — knapp, mit Stationen, Zuständigkeiten, Fristen und Vertretungen auf ein bis zwei Seiten. Diese kurze Prozessdokumentation ist auch die Grundlage für Einarbeitung und für die nächste Messrunde, weil sie festlegt, was eigentlich gemessen wird. Umfangreiche Handbücher sind dafür nicht nötig und werden im Mittelstand ohnehin selten gepflegt.
Zwei Nebenwirkungen sind einzuplanen. Erstens: Wer Zeitstempel je Vorgang erfasst, erzeugt Daten, aus denen sich unter Umständen Rückschlüsse auf einzelne Beschäftigte ziehen lassen. Das berührt Datenschutz und, sofern ein Betriebsrat besteht, dessen Mitbestimmung bei Systemen, die Verhalten oder Leistung erfassen können. Klären Sie Zweck, Umfang und Speicherdauer vorab und beschränken Sie die Auswertung auf Stationen statt Personen; eine fachliche Prüfung im Einzelfall bleibt sinnvoll. Zweitens: Eine Messung verändert das Verhalten, solange sie läuft. Rechnen Sie damit, dass die erste Woche etwas besser aussieht als der Normalbetrieb, und werten Sie deshalb den gesamten Zeitraum aus.
Wenn Sie klein anfangen wollen, wählen Sie einen einzigen Vorgangstyp mit hoher Stückzahl — die Standardbestellung, den wiederkehrenden Serviceauftrag, die Eingangsrechnung. Ein solcher Ausschnitt ist in wenigen Tagen aufgenommen, liefert eine Zahl, die vorher niemand hatte, und macht die Diskussion über Prioritäten sachlich. Alles Weitere ergibt sich aus dem Ergebnis, nicht aus einer Annahme darüber, wo es klemmen müsste.
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